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Karlsruher Institut für Technologie
ITZ Department für Wissenschaftskommunikation
Kaiserstraße 12
76131 Karlsruhe
Deutschland

Karlsruher Mobilität der Zukunft:

Fair im Verkehr ?

Wen die Mobilitätswende übersieht

In puncto Mobilität erfordert der Klimawandel vielerorts Umdenken und Veränderung. Auch Karlsruhe gilt als Schauplatz der Verkehrswende. Doch von Ideen wie autofreien Zonen profitieren nicht immer alle gleichermaßen. Ist die Mobilitätswende immer gerecht?

Es komme darauf an, meint die Expertin Prof. Dr. Franziska Meinherz vom Karlsruhe Institut für Technologie (KIT). Stimmen ihr Karlsruher Bürger*innen und die Initiative Kiezblocks zu?



Von Laura Kraus, Kaya Ludian und Franziska Schreier

  • Bild: eigene Aufnahme
Mobilitätsungerechtigkeit

Was ist das?

Ähnlich komplex wie das Mobilitätsverhalten von Menschen ist die Antwort auf diese Frage. Laut Dr. Franziska Meinherz, Jungprofessorin für Stadt- und Mobilitätsgeographie am KIT, kommt es auf die Perspektive an.

Praktiken

Mobilitätspraktik bezeichnet die Art und Weise, wie sich Menschen fortbewegen. In Deutschland besteht unter anderem eine große Ungerechtigkeit darin, dass Infrastruktur häufig so ausgelegt ist, dass sie das Auto als Fortbewegungsmittel bevorzugt. Wenn Infrastruktur manche Praktiken mehr berücksichtigt als andere, sei das ungerecht, sobald sie strukturelle Ungleichheiten bestärkt, sagt Meinherz.

Möglichkeiten

Zugänge zu Mobilität bestehen oft nicht für alle Menschen gleichermaßen. Sie können durch unterschiedliche Faktoren eingeschränkt werden. "Die Hälfte der autofreien Haushalte in Deutschland sind unfreiwillig autofrei", erklärt Meinherz. Entweder können sie es sich nicht leisten oder aus gesundheitlichen Gründen kein Auto nutzen. Auch das Alter spielt eine Rolle. Alte Menschen, die nicht mehr Auto fahren können, sind in einer autozentrierten Stadt genauso ausgeschlossen wie Kinder, die sich darin ohne erwachsene Fahrer*innen kaum unabhängig bewegen können.

Planung und Umsetzung

Welche Personengruppen und Bedürfnisse in die Planung einbezogen oder mitbedacht werden, entscheidet oft darüber, wer am Ende Zugang zu welcher Mobilität erhält.

Mobilitätsungerechtigkeit ist also vielschichtig. Gerechter wird Mobilität, wenn unterschiedliche Praktiken möglich sind, niemandem systematisch der Zugang verwehrt ist und sich alle an der Planung und Umsetzung beteiligen können.

Mobilitätsungerechtigkeit

Wie kommt sie zustande?

In Deutschland steht das Auto nach wie vor im Zentrum der Mobilität. Meinherz zufolge ist das ungerecht, weil die Möglichkeit einer Autonutzung vom Einkommen, dem Alter oder der Gesundheit abhängt. Bestimmte Personengruppen würden so systematisch von der vorherrschenden Automobilität ausgegrenzt. Zusätzlich legen Menschen mit hohem Einkommen meist weitere Strecken zurück. Diese Ungleichheit werde zur Ungerechtigkeit, wenn mehr Investitionen in den Ausbau von Autobahnen oder Fernverkehrsnetzen fließen als zum Beispiel in Radwege oder den regionalen ÖPNV, erklärt Meinherz.

TT-Prof. Dr. Franziska Meinherz (KIT)

Wir sprechen von Mobilitätsungerechtigkeit, wenn Mobilitätsunterschiede soziale Ungerechtigkeiten reproduzieren oder verstärken.

TT-Prof. Dr. Franziska Meinherz, KIT

Mobilitätsungerechtigkeit entsteht also, wenn bestimmte Mobilitätspraktiken einen finanziellen und politischen Vorzug erhalten. Doch bedeutet eine reine Abkehr vom Auto, dass wir uns automatisch gerechter fortbewegen?

Mobilitätsungerechtigkeit

Ist die Verkehrswende ungerecht?

Auch diese Frage lässt sich nicht eindeutig mit Ja oder Nein beantworten. Es komme auf die Priorisierung an, so Meinherz. Viele Maßnahmen beseitigen nicht alle existierenden Ungerechtigkeiten oder schaffen sogar neue. Wolle man zum Beispiel mehr Möglichkeiten, ohne Auto genauso flexibel zu sein wie mit, gehe das oft nur auf kürzere Distanzen, erklärt Meinherz. Mobilitätswende müsse dann größer gedacht werden, zum Beispiel, indem man allgemein die Strecken verkürzt, die Menschen zurücklegen müssen oder die Notwendigkeit verringert, überhaupt mobil zu sein.

Mobilitätsgerechtigkeit erweist sich als ein komplexes Unterfangen. Denkt man eine Verkehrswende aus ökologischer Perspektive, erscheint zumindest eine Abkehr von der Dominanz des automobilen Individualverkehrs unumgänglich. Dafür setzen sich immer wieder Bürger*innen aktiv ein, so auch in Karlsruhe.

Initiative Kiezblocks

Eine autofreie Zone für Karlsruhe

Kiezblocks Karlsruhe ist eine Initiative, die sich laut eigener Angabe für einen Kiezblock einsetzt. Deutschlandweit gibt es solche Initiativen, vor allem in Berlin wurden bereits zahlreiche Kiezblocks errichtet.

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  • Video: eigene Aufnahmen

Renate ist bei der Initiative Kiezblocks Karlsruhe aktiv. Hier erklärt sie, mit welchen Themen sich die Initiative befasst.

Ein Kiezblock ist ein Stadtquartier ohne durchgehenden Autoverkehr, sodass die Straßen vorrangig der Nachbarschaft zustehen. Zufußgehen und Radfahren solle für alle Altersgruppen gefahrlos möglich sein, schreiben Kiezblocks auf ihrer Website. Weniger Durchgangsverkehr, dafür mehr Platz zum Spielen oder Aufenthalt im Grünen.

Der Autoverkehr hat den öffentlichen Raum annektiert, mit Duldung von allen.

Renate, Kiezblocks Karlsruhe

Aktuell sammelt die Initiative Unterschriften für eine autofreie Zone in der Oststadt. Die Georg-Friedrich-Straße werde häufig als Abkürzung genutzt, also als Durchgangsstraße, obwohl sie eine Quartiersstraße sei, erklärt Renate, ein engagiertes Mitglied der Initiative. Der betreffende Abschnitt misst nur knapp 40 Meter, trotzdem erhält das Projekt aktuell viel Aufmerksamkeit.

Initiative Kiezblocks

Gerechte Mobilität als Ziel?

Nach Mobilitätsgerechtigkeit gefragt, gibt Renate zu, den Begriff zum ersten Mal zu hören. Der Begriff gefällt ihr sehr gut, beschreibe er doch genau das, was die Initiative Kiezblocks erreichen will.

Darunter kannst du jeden subsumieren. Den Rollstuhlfahrer, die Radfahrerin oder den Vater mit dem Kinderwagen. [...] Das beschreibt im Grunde genommen unser Problem.

Renate, Kiezblocks Karlsruhe

Kiezblocks wollen also in der Georg-Friedrich-Straße Mobilitätspraktiken ermöglichen, die der Vorrang von Autos aktuell erschwert. Und sie wollen Menschen Zugang zu öffentlichem Raum verschaffen, den der Durchgangsverkehr zurzeit belegt. Die Aussage von Renate verdeutlicht Meinherz' Einschätzung über das Verhältnis von Initiativen wie Kiezblocks zur Mobilitätsgerechtigkeit.

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  • Video: eigene Aufnahme

TT-Prof. Dr. Franziska Meinherz (KIT) über die Mobilitätsgerechtigkeit von Initiativen wie Kiezblocks Karlsruhe und autofreien Zonen in Städten.

Initiativen aus der Bevölkerung heraus sind laut Meinherz per se schon oft in der Planung und Umsetzung gerechter. Nichtsdestotrotz müsse man kritisch untersuchen, wie gerecht das Ergebnis ist, sagt Meinherz. Werden trotz der Beteiligungsmöglichkeit die Bedürfnisse bestimmter Minderheiten übersehen? Oder drückt bei manchen Initiativen eine sehr laute Minderheit der restlichen Bevölkerung ihre Meinung auf?

Initiative Kiezblocks

Was denken Anwohner*innen?

Kiezblocks Kalrsruhe legen großen Wert auf Beteiligung. Gerade Anwohner*innen der Georg-Friedrich-Straße können und sollen sich und ihre Bedürfnisse aktiv einbringen.

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Renate (Kiezblocks) erklärt, wie Anwohner*innen in das Projekt miteinbezogen werden.

Der Aspekt der Planungsgerechtigkeit scheint bei diesem Projekt perfekt umgesetzt zu werden. Eine Anwohnerin erzählt, wie ihr die autofreie Zone in der Georg-Friedrich-Straße den Alltag erleichtern würde.

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Eine junge Radfahrerin begrüßt das Projekt von Kiezblocks.

Die knapp 1.500 Unterschriften (Stand 24.06.2025), die Kiezblocks Karlsruhe bisher sammeln konnte, verdeutlichen die breite Unterstützung für das Projekt. Gleichzeitig gibt es auch Bedenken. Ein Anwohner meint, alternative Routen und Parkmöglichkeiten für Autos müssten sichergestellt werden.

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Ein junger Mann mit Kind findet, Autofahrer*innen sollten nicht völlig vernachlässigt werden.

Von der Stadtverwaltung Karlsruhe soll es sogar aktiven Gegenwind geben. Auf eine Anfrage von Kiezblocks Karlsruhe habe der Bürgermeister mit einem Schreiben geantwortet, in dem es hieß, die Verkehrssituation in der Oststadt sei gut so und es bestehe kein Veränderungsbedarf, berichtet Renate.

Wir haben das alle als sehr demotivierend empfunden,

erzählt sie. Doch lässt sich die Initiative davon nicht entmutigen. Sie möchte ihrer Unzufriedenheit auf ihre Art und Weise weiterhin Ausdruck verleihen und Unterschriften für eine autofreie Zone in der Georg-Friedrich-Straße sammeln.

Fallbeispiele

Was kann Karlsruhe von anderen Städten lernen?

Autofreie Zonen sind natürliche nur einer von vielen Ansätzen, um städtische Mobilität umzugestalten. Und je nach vorherrschenden Bedingungen können für unterschiedliche Städte verschiedene Konzepte sinnvoll sein.

Als Musterbeispiele würde Meinherz die vielen Initiativen und kreativen Verkehrskonzepte in europäischen oder lateinamerikanischen Städten nicht bezeichnen. Es seien Fallbeispiele, aus denen sich einiges lernen lässt. Was kann sich Karlsruhe von Kopenhagen, Paris und São Paulo abschauen oder sogar besser machen?

Fallbeispiel

Kopenhagen

Die dänische Hauptstadt gilt als Fahrradstadt Europas. Gleichzeitig sei sie sehr autofreundlich und habe einen gut ausgebauten öffentlichen Nahverkehr, erklärt Meinherz. Dort können sozusagen alle unterwegs sein, wie sie wollen. Innerhalb der Stadt bietet das eine hohe Flexibilität. Die Optionen für verschiedene Mobilitätspraktiken erscheinen dort sehr gerecht zu sein. Allerdings, so Meinherz, werde dabei Flächen- und Klimagerechtigkeit nicht mitgedacht. Autoinfrastruktur werde dort selten eingeschränkt, um andere Infrastruktur auszubauen, sagt sie. In Städten sind Flächen jedoch begrenzt und werden dadurch zusätzlich verknappt.

Bei Kopenhagen sehen wir, wie weit man kommt mit einer Planungslogik, in der alles möglich sein muss, die jetzt an ihre Grenzen stößt.

TT-Prof. Dr. Franziska Meinherz, KIT

Fallbeispiel

Paris

Viel autounfreundlicher als Kopenhagen ist das heutige Paris. Dort wurde in sehr kurzer Zeit sehr viel umgebaut und somit der Autoverkehr in der Innenstadt drastisch verringet. Zum Einsatz seien vor allem kostengünstige und schnell umsetzbare Maßnahmen gekommen, wie Poller, Regulierungen oder Signale, erklärt Meinherz. Paris zeigt:

Es ist möglich, es ist nicht sehr teuer und es stößt auf Anklang.

TT-Prof. Dr. Franziska Meinherz, KIT

Von der Pariser Bevölkerung werde dieser Wandel überwiegend getragen, allerdings finde er vor allem im Zentrum statt. Paris sei schon immer eine Stadt der kurzen Wege gewesen, so Meinherz. Entsprechend gut waren die Voraussetzungen für diese Verkehrswende. In den infrakstrukturärmeren Außenbezirken funktioniere das längst nicht so gut. Daraus zieht Meinherz den Schluss:

Städte mit guten Ausgangsbedingungen dürfen gerne ambitioniert sein, gleichzeitig braucht es auch Lösungen für Städte mit weniger dichter Infrastruktur.
Fallbeispiel

São Paulo

Aus Brasilien kann sich Karlsruhe Inspiration dafür holen, wie man kreativ mit der Flächenknappheit in Städten umgeht. Sonntags werden dort regelmäßig die Stadtautobahnen gesperrt und stattdessen temporäre Swimmingpools, Spielplätze oder Radrennbahnen errichtet. Keine lustige Hippie-Idee, sondern ein wichtiger Beitrag zur Flächengerechtigkeit, findet Meinherz. Sie sagt:

Gerade in dicht bebauten Städten mit wenig Aufenthaltsqualität und hoher Einkommensungerechtigkeit ist das eine Möglichkeit, um einkommensarmen Menschen Zugang zu Freizeitflächen zu verschaffen.
Ausblick

Wie eine gerechte Mobilitätswende gelingen kann

Selbst an einem Sonntag herrscht in der Georg-Friedrich-Straße in Karlsruhe reger Autoverkehr. Manche halten an, um Brötchen zu holen, andere fahren weiter und nutzen diesen Weg als Abkürzung. Wie sähe hier ein Sonntagmorgen ohne Autos aus?

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TT-Prof. Dr. Franziska Meinherz (KIT) über den Status Quo und Zukunftsperspektiven der Mobilitätsgerechtigkeit in Karlsruhe.

Meinherz' Einschätzung zufolge ist die Mobilität in Karlsruhe bereits gut aufgestellt. Was aus ihrer Sicht noch ausgebaut oder verbessert werden könnte:

  • höhere Taktung des ÖPNV zu Randzeiten für die arbeitende Bevölkerung
  • Ausbau der Radinfrastruktur für mehr Sicherheit
  • freie Flächen mit blau-grüner Infrastruktur als Schutz vor Überhitzung

Kiezblocks will genau solche Freiflächen schaffen. Das Projekt in der Georg-Friedrich-Straße soll auch ein Reallabor für mögliche weitere autofreie Zonen sein.

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Renate (Kiezblocks Karlsruhe) über den Traum der Initiative von einem Verkehrsversuches.

Ehrenamtliche Initiativen wie Kiezblocks können sicher keine vollständigen Verkehrskonzepte für eine ganze Stadt entwerfen. Aber idealerweise bestärken sich solche Projekte und die Politik gegenseitig. Wenn es Initiativen von Bürger*innen gibt, würden diese gern von zögerlichen Politiker*innen mit ähnlichen Zielen aufgegriffen, erklärt Meinherz. Andersherum könne eine weniger autozentrierte Planung zivilgesellschaftliche Bewegungen in ihrer Arbeit bestärken.

Auch wenn eine solche Potenzierung zwischen Kiezblocks Karlsruhe und der Stadtverwaltung noch nicht stattzufinden scheint, leistet die Initiative mit ihrer Arbeit aktuell einen wichtigen Beitrag zu mehr Planungsgerechtigkeit in der Mobilitätswende. Und das ist immerhin ein Anfang.

  • Video: eigene Aufnahme

Dieser Pageflow ist im Rahmen des Seminars "Digitale Medienpraxis: Karlsruher Mobilität der Zukunft" am KIT im SoSe25 unter der Leitung von Dr. Jacob Leidenberger entstanden.

Die anderen Seminarteilnehmer*innen haben sich mit den Themen Experimentierräume auf dem Weg zur Autofreiheit und Alles in einer App? - Der große Mobilitätscheck für Karlsruhe beschäftigt.

Impressum

Karlsruher Institut für Technologie ITZ Departement für Wissenschaftskommunikation Kaiserstraße 12 76131 Karlsruhe, Deutschland V.i.S.d.P.: Jacob Leidenberger



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